Die »World Press Photo Award 2010« – Fotos werden heute auf tagesschau.de gezeigt*. Auszeichnungen, die bei mir – im Nachhinein – einen bitteren Geschmack hinterlassen.
Gleich das erste Foto hinterlässt einen Stupor. Wie fürchterlich! Nach kurzer Zeit wird klar: Das Foto kennst du. Das hast Du schon einmal gesehen. Und dennoch war auch hier wieder der erste Gedanke: Was für ein schlimmer Unfall. Und dann, bei der Lektüre des unter dem Foto stehenden Textes der – ebenfalls wiederholte – innere Aufschrei: »Nein! Der Ehemann! Was für ein Tier ist denn zu solch einer Tat fähig? Nein, nicht einmal ein Tier brächte das zustande. Nicht einmal eine Pflanze oder ein Mineral wäre dazu in der Lage. Sogar ein Bakterium und ein Virus haben mehr Lebensrecht als dieser Dreck!« Die folgenden Assoziationen – Afghane – 18jährige Frau – Ehrentat – vermutete Untreue – und der Kommentar von Juror Vince Aletti – all das lässt mich mit bitter-saurer innerer Leere zurück. Frisch gekotzt den Geschmack im eigenen Mund entdecken. Kein Wunder, dass dieses Wissen gerne wieder verdrängt wird.
Das zweite Foto ist da schon fast eine Erholung. Trauer. Fernöstlicher Art. Viel zu laut für den Durchschnittseuropäer. Zu theatralisch. Nachvollziehbar, aber – wegen der Überzeichnung – auch fremd. Bedauerlich, ja. Aber sterben müssen wir nun schließlich alle einmal.
Dann Assange. Netter Typ. Riesiges blaues Auge. Der sieht aus wie ein Borg. Der hat sein Anliegen. Aber tragisch oder dramatisch ist das – im Vergleich zum Schock von eben – eher nicht. Er ist mir sympathisch. Der Lichtreflex ist das Interessante. Da gibt’s doch so knuffige Hunde, die so eine Zeichnung im Fell haben …
Es wird immer belangloser. Aber das fünfte Foto ist wieder ein Hingucker: Fang’ ihn! Bis ich erkenne, dass der Junge nicht fällt, sondern geworfen wird, realiter wird mir das erst durch den Text darunter deutlich, braucht es eine Zeit. Um den Leichnam eines Kindes so wegwerfen zu können, muss man schon recht nah am Ende seiner Kräfte angelangt sein. Sicher ist das schockierend. Aber dann auch wieder fast beruhigend: Wenn das Elend groß genug ist, funktioniert man nur noch. Selbst ist man schließlich Überlebender. Es muss ja weiter gehen.
Dann lässt »es« wieder nach. Vier Somalier. So, wie die fotografiert sind – na ja, der Fotograf hat sich bestimmt nicht der Strapaze, die das Bild darstellen soll, selbst ausgesetzt. Wie auch auf dem nächsten Foto. Da kämpfen Menschen gegen das Ertrinken. Und Andere stehen darum herum und gucken. Und fotografieren. Oder packen an. Dann wird es »künstlerischer«. Eine Straßenszene, eine »normale« social-community Gefährdete, ein Mann mit »fetter Beute« im Kriegsgebiet. All das, bemerke ich an mir selber, kann nicht gegen die Schocks an.
Das nächste Foto ist aber wieder so ein Schock: Ein Mensch, der lichterloh in Flammen steht, stürzt sich von irgendwo in den Tod hinab. Und selbst der schnelle Fall kann die Flammen, in denen er steht, nicht ersticken. Ganz klar, dass alles besser ist, als der Schmerz, so verbrennen zu müssen. Dass man sich in diesem Moment nur noch einen schnellen Tod wünscht. Ein »Platsch!« und endlich hört der Schmerz auf. Aber diese Klarheit muss ich mir mühsam erkämpfen. Das Foto nimmt mich wieder sehr mit. Ich möchte wissen, wo das ist, wie es dazu gekommen ist. Und ich möchte es auch wieder nicht wissen. Es ist das reine Grauen.
Die letzten vier Fotos – Natur- und Sport-Fotografie – sind vollkommen belanglos. Sicher aus Sicht eines Fotografen interessant. Aber wer ist das schon?
Für mich bleibt also als Fazit: Pressefotografen sind keine Künstler. Nicht das (Foto-) technisch interessante Foto beeindruckt hier, sondern das, welches die Abgründe des Menschseins dokumentiert. Ich finde es bedauerlich, dass die ganze Welt nun die junge Frau kennt, der diese Verstümmelung angetan wurde, statt dem Stück Dreck, das ihr das angetan hat. Es schreit in mir danach, den Pranger wieder einzuführen. Damit ein jeder weiß, was für ein Schwein dafür verantwortlich ist! (Und noch einmal: Was ist das reale Schwein doch für eine edle Kreatur im Vergleich zu diesem Unbenennbaren!) Auch die beiden anderen Fotos, die mir so zusetzen, werfen mich auf die Realität unserer Rasse zurück. Kunst hingegen böte das Potential der Weiterentwicklung. Als welcher Hohn muten da die Natur- und Sportfotos an!
Und ich frage mich: Warum tue ich mir die Tagesschau und die Presse überhaupt noch an?
* http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/worldpressphotoaward100_mtb-1_pos-1.html#colsStructure